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Skulpturen

von Lorena Krohnfoth; veröffentlicht am 26.09.2008
Skulpturen

Das Bild vom Menschen

Die Sensation war da, als Ausgräber 1885 die ersten Koren auf der Athener Akropolis entdeckten. Achtlos waren die Mädchen-Statuen mit dem Schutt weggeräumt worden, den die Perser nach der Eroberung Athens vor zweieinnhalbtausend Jahren zurückgelassen hatten. Lächelnd, wie aus einer unbeschwerten, glücklicheren Welt treten die Koren dem Betrachter entgegen. Sie wirken direkt und unmittelbar – viel unmittelbarer, als es in der Malerei je möglich wäre. Der Maler erschafft sich einen Raum, der zwar auf den Betrachter bezogen sein kann, doch bleibt die Distanz immer bestehen. Ein Rahmen umgibt das Bild, dessen Raum wir nicht betreten können. Eine Skulptur dagegen befindet sich in unserem Raum, im Realraum. Wir können um sie herum gehen und sie von verschiedenen Seiten betrachten. Skulpturen sind, anders als gemalte Figuren „fassbar“.

Beide, die gemalte wie die dreidimensionale plastische Figur, definieren sich über ihr Verhältnis zum Raum. Nur zaghaft, den linken Fuß vorgestellt und eine Hand ausgestreckt, ergreifen die Athener Koren von ihm Besitz. Umgekehrt stellt sich das Verhältnis zum Raum vor allem bei früh mittelalterlichen Skulpturen dar. Sie ignorieren ihn und agieren wie der Christus der Aussendung der Apostel in Vezelay in einem transzendenten Raum. Sinnenfroh und ganz im Diesseits nehmen die Tänzerinnen den Realraum in Beschlag.

An Skulpturen lässt sich viel mehr ablesen als ihr Verhältnis im Raum. Sie führen uns das Menschenbild einer Epoche vor Augen und in Abhängigkeit davon das Verhältnis der unterschiedlichen Gesellschaften zum Körper. In ihm sind die Gegensätze aufgehoben, ist, wie beim Doryphoros, alles, vom kleinsten bis zum Größten, in Beziehung zueinander gesetzt.

Erst nach knapp ein Jahrhundert nach den Athener Koren entfaltete sich der Körper frei nach allen Seiten. Seine Schönheit wurde gefeiert, in der Antike in Statuen von Athleten wie in der Aphrodite von Knidos und dann wieder in der Neuzeit, in Einzelstatuen wie in Canovas Gruppe Amor und Psyche. Momentane, Gefühle und Emotionen, wollten sie zeigen, de Schmerz in Todeskampf am Laokoon, das Glück im Rauch an der Trunkenen Alten.

Akademien und Kunstschulen hielten die Antike hoch. Doch immer weniger Bildhauer waren zum Ende des 19. Jahrhunderts hin bereit, ihrem Vorbild zu folgen. Diametral stehen sich die Freiheitsstatue und Rodins Balzac monumental gegenüber. Die Athener Koren bilden einen ersten Höhepunkt der europäischen Skulptur. Sie stehen am Anfang dieses Buches. Rodins Balzac monumental beschließt es - mit seherischem Blick in die Zukunft.


Informationen zum Autor
NameLorena Krohnfoth
Emailkl[at]derbesonderegarten.de
Homepagewww.der-besondere-garten.de
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veröffentlicht am26.09.2008
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Bildquelle: pixelquelle.de - Interessantes