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Genitalverstümmelung - es geht uns alle an
von Liona Toussaint; veröffentlicht am 08.01.2007
*** Beschneidung *** Genitalverstümmelung *** Klitorisdektomie *** pharaonische Beschneidung ***
Genitale Verstümmelung ist nichts weiter als Folter und beinhaltet zusätzlich Folgeerkrankungen, psychische wie physische Probleme und Kontaktschwierigkeiten.
Eine weibliche Beschneidung (Genitalverstümmelung) zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Leben der betroffenen Frauen.
Weibliche Genitalverstümmelung bedeutet in 80% der Fälle die vollständige Entfernung der Klitoris und der kleinen Schamlippen (Klitoridektomie genannt - die häufigste Form der Genitalverstümmelung). Beides sind hochempfindliche, stark durchblutete Organe der Frau. Es gibt wohl keine empfindlichere Stelle am weiblichen Körper als diese. Wichtig ist zu wissen, dass dieser Eingriff nichts gemein hat mit der Beschneidung am männlichen Genital. Es handelt sich vielmehr um eine grausame wie sinnlose Verstümmelung der weiblichen Genitalien, mit schwerwiegenden Folgeerscheinungen.
Das Wort Genitalverstümmelung wird nicht gerne gehört, deshalb spricht man fälschlicher Weise von einer Beschneidung, da diese Beschreibung u. a. weniger abwertend empfunden wird. Beschnittene Frauen sind sehr sensibel. Das Thema Genitalverstümmelung ist sehr sensibel, und deshalb sollten die betroffenen Frauen, wie auch das Problem Genitalverstümmelung, genauso sensibel behandelt werden; jedoch nicht ohne Druck, damit diesem sinnlosen Ritual ein Ende gesetzt wird per gesetzlicher Bestimmungen. Wir schreiben das Jahr 2007, sind mit Technologien von höchster Präzision ausgestattet und sind doch so wehrlos gegen Genitalverstümmelungsrituale. Wo bleibt da die Relation zur modernen Welt und vor allem stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass die Menschen so desinteressiert sind und ihre Augen verschließen, wo schnelle Hilfe geboten werden sollte und muss.
Jedes Jahr erleiden 2 Millionen Mädchen im Alter von wenigen Tagen bis zur Pubertät diese Grausamkeit. Mehr als 150 Millionen Frauen sind weltweit betroffen. Die Folgen sind dramatisch.
Ohne jede Betäubung und unter unhygienischen Bedingungen ausgeführt, zieht die Genitalverstümmelung Infektionen nach sich. Viele Mädchen sterben an der Infektion, an Wundstarrkrampf oder verbluten. Selbst wenn die Mädchen und Frauen ihre Genitalverstümmelung überleben, sind sie für den Rest ihres Lebens gezeichnet.
Schmerzen beim Harnlassen und bei der Menstruation, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und wiederkehrende Infektionen sind übliche Komplikationen. Besonders gefährlich jedoch sind die Geburten. Man schätzt, dass die Hälfte aller geburtsbedingten Todesfälle darauf zurückzuführen sind, dass die Gebärende verstümmelt ist.
Genitalverstümmelte Mädchen und Frauen leiden unter diversen abdominalen Schmerzen, Inkontinenz, schmerzhaften Regelblutungen, Urintraktinfektionen, sexuellen Problemen, zwischenmenschlichen Problemen wie unter anderem Eheprobleme und Niereninfekt. Dies sind nur einige genannte Beispiele.
Für den Geschlechtsverkehr wird die Infibulierte (sprich verstümmelte zugenähte Genitale) defibuliert (geöffnet), meist von dem Ehemann selbst; dies geschieht in der Regel unter der Anwendung eines Messers und ohne Betäubung und ist ähnlich einer gewaltsamen Defloration (sprich der Blüte berauben aus dem Lateinischen oder Entjungferung aus dem Deutschen) oder gar mit einer Vergewaltigung vergleichbar. Die Defloration soll ein besonderes Ereignis sein. Es fragt sich nur für wen.
Eine Defibulation findet auch bei jeder Geburt statt, wobei eine Refibulation folgt. Refibulation bedeutet, dass die Scheide mit einer neuen Naht wieder verschlossen wird. Somit verhärtet sich nach und nach das Gewebe und ist nicht mehr dehnbar. Was die gebärenden Frauen erleiden müssen ist unvorstellbar. In diesem schmerzvollen Zustand kümmern sie sich um ihre Neugeborenen und stehen selbst noch so sehr unter Schock. Hinzu kommen all die möglichen Folgeerscheinungen wie Blutverlust und Infektionen. Selbst das Urinieren ist ein schmerzvoller Akt, der Blasenmuskel ist nicht entspannt und der Urin muss durch Pressen ausgeschieden werden, da die Öffnung zu klein ist, um den Urin durchfließen zu lassen. Dadurch entstehen Harnsysteminfektionen. Mit der Menstruation verhält es sich noch schlimmer, da das Blut dickflüssiger ist und es somit zu Stauungen kommt. Chronische Unterleibsschmerzen sind dann die Folge wie auch Infektionen.
Es ist nicht möglich, jede Eventualität und jede Krankheit auf Grund der Genitalverstümmlung in wenigen Sätzen zu fassen. Es bedarf auch nicht von genügender Phantasie, um sich über diese Qualen ein Bild zu machen, Qualen und permanente Lebenseinschränkungen.
In Somalia werden die großen Schamlippen mit Darmsaiten oder Fäden bis auf eine winzige Öffnung, durch die Harn und Menstruationsblut abfließen sollen, zugenäht. Bei jeder Geburt, muss die Frau erneut aufgeschnitten werden. Erneut deshalb, weil die Frau nach der Geburt wieder zugenäht wird. In Somalia sind die Mädchen besonders jung. Der Durchschnitt ist zwischen 4 und 6 Jahre wenn die Genitalverstümmelung vorgenommen wird. Die Beschneidung wird ohne Betäubung mit Messern, Rasierklingen oder Glasscherben von einer Beschneiderin durchgeführt.
Besonders schwerwiegende Genitalverstümmelungen
• Am weitesten verbreitet ist die "Klitorisdektomie", bei der die Klitoris und die kleinen Schamlippen teilweise oder vollständig amputiert werden.
• Die schwerwiegendste Form der Beschneidung ist die "pharaonische Beschneidung". Die Klitoris, wie die inneren und äußeren Schamlippen werden entfernt und die entstehenden Hautreste vernäht oder mit Dornen zusammengeheftet (pharaonische Beschneidung mit Infibulation). Es wird nur ein circa streichholzkopfgroßes Loch zum Abfließen des Urins und des Monatsblutes gelassen.
• Meist finden die Beschneidungen in einfachen Hütten unter katastrophalen hygienischen Bedingungen statt. Die Operateure sind traditionelle Heilerinnen und Barbiere. Der Eingriff, der oft eine halbe Stunde dauert, wird ohne Narkose durchgeführt. Mehrere Frauen halten das Mädchen während der Operation mit Gewalt fest.
• Diese Operationen werden mit Rasierklingen, Scheren oder Glasstücken durchgeführt.
Nach Schätzungen leben in Deutschland etwa 24000 von genitaler Verstümmelung betroffene ausländische Frauen und Mädchen. Mehr als 6000 Mädchen sind akut gefährdet.
Gegen die genitale Verstümmelung muss weltweit gekämpft werden.
Wie kann das geändert werden?
• Aufklärung und Beratung insbesondere junger afrikanischer Frauen und Mädchen.
• Sprachliche wie berufliche Ausbildung für ein unabhängiges Leben afrikanischer Frauen.
• Neue berufliche Perspektiven für Beschneidefrauen.
• Aufklärung in Deutschland durch Öffentlichkeitsarbeit, da zu viel Unwissenheit auch unter den Berufsgruppen wie z. B. Sozialarbeiter/innen, Jurist/innen, Krankenschwestern und Hebammen herrscht.
Die Genitalverstümmelung ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte.
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Informationen zum Artikel
| veröffentlicht am | 08.01.2007 |
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